Psychiatrie-Erfahrung

Wie ist es in der Psychiatrie wirklich? Interview mit einer Ex-Patientin

Anna ging wegen schweren Depressionen in eine offene psychiatrische Klinik. Dort blieb sie acht Wochen lang. Zu dem Zeitpunkt war sie 28 Jahre alt und hatte gerade ihr Studium hinter sich. Im Interview mit MOODYMAG verrät sie, wie es dort wirklich ist.

Du warst freiwillig in der Psychiatrie. Wie kam´s dazu?

Ich war schon ein paar Wochen bei einer Psychotherapeutin in Behandlung gewesen, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, es geht nur noch bergab. Ich hatte mein Studium beendet und keine Berufsperspektive, hing alleine zuhause rum, meine Freunde waren nach Ende des Studiums fast alle weggezogen. Ich fühlte mich schwer depressiv, hatte keinen Antrieb mehr und keine Ahnung, was ich dagegen unternehmen kann. Ich war verzweifelt und fühlte mich ausgebrannt. In einer Therapiestunde fragte mich die Therapeutin irgendwann, ob ich mir einen stationären Aufenthalt in einer Klinik vorstellen könnte. Damals sagte ich ohne Nachzudenken „Ja“.

Wie ging es dann weiter?

Die Psychologin empfahl mir eine offene psychiatrisch-psychotherapeutische Klinik und legte mir Nahe, mich dort anzumelden – was ich sofort tat.

Wie lange musstest du auf den Behandlungs-Platz warten?

Bei mir ging es zum Glück recht schnell. Bereits zwei Wochen nach der Anmeldung wurde dort ein Patient entlassen und damit wurde für mich kurzfristig ein Therapieplatz frei. Manchmal kann es bis zur Aufnahme aber soweit ich weiß bis zu zehn Wochen dauern.

Was ging dir bei der Ankunft als erstes durch den Kopf?

Mir schossen viele Fragen durch den Kopf. Wer wird mit mir das Zimmer teilen? Welche Menschen werden mir dort begegnen? Wie sieht wohl der Klinikalltag aus? Welche Therapeuten werden mich betreuen? Wird mir der Aufenthalt helfen? Und: Wie lange werde ich wohl bleiben? Ehrlicherweise hatte ich das typische Bild über die Psychiatrie im Kopf, wie man es aus Filmen kennt. Verrückte Menschen, verrückte Psychiater, Zwangsjacke, starke Medikamente und sterile Klinikräume… Die Klinik war aber sehr idyllisch am Waldrand gelegen und hatte wenig vom Klischee. Mein erster Eindruck war überraschend positiv.

Erzähl doch mal von deinem ersten Tag…

Zuerst zeigte mir eine Krankenschwester mein Zimmer und stellte mir meine „Mitbewohnerin“ vor. Anschließend wurde ich durch die Klinik geführt. Mir wurden die Regeln erklärt, sprich, dass es um 7 Uhr Frühstück, um 11:30 Uhr Mittagessen und um 17 Uhr Abendessen gibt. Nach 22 Uhr durfte man zudem die Klinik nicht mehr verlassen. Ansonsten gab es an Tag eins nur noch Abendessen. Danach fiel ich totmüde ins Bett. Am nächsten Vormittag stand das Aufnahmegespräch mit einer Ärztin an.

Wie sah der Klinikalltag aus?

Der Klinikalltag war klar strukturiert. Vor dem Frühstück ging es ans Wiegen, nach dem Frühstück stand Sport oder Therapie auf dem Programm. Wir bekamen einen Stundenplan für die Woche, wo festgelegt war, wann eine Einzeltherapie, wann Gruppentherapie und wann Sport oder Entspannungstechniken wie Qi-Gong, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung statt finden. Das Sportangebot war groß: von Wandern, Tanzen, Yoga, Kickboxen oder Gymnastik war alles mit dabei. Den Rest des Tages durfte man frei gestalten.

Durftest du die Klinik verlassen?

Da es sich um eine offene Klinik handelte, durfte ich jederzeit raus. Egal ob ich joggen gehen wollte oder in der nahegelegenen Stadt shoppen, das war nie ein Problem. Ich musste mich nur beim Personal abmelden und pünktlich, also zu den Essenszeiten oder vor 22 Uhr wieder in der Klinik sein.

War es erlaubt, Besuch zu empfangen?

Klar! Verwandte oder Freunde durften mich während festgelegter Zeiten jederzeit besuchen kommen.

Wie kamst du mit den anderen Patienten klar?

Grundsätzlich besser als erwartet. Keiner war aus meiner Sicht so „verrückt“, wie ich vorher befürchtet hatte. Viele waren wie ich wegen Depressionen dort. Es tat sogar gut, unter Gleichgesinnten zu sein. Ich fühlte mich verstanden und konnte die ein oder andere Freundschaft knüpfen. Leider kam ich mit meiner Zimmer-Mitbewohnerin nicht klar. Eines nachts erzählte sie mir von Suizidgedanken. Auch wenn sie eine sehr liebenswürdige Person ist, konnte ich aufgrund ihrer Krankheit mit ihr im Zimmer nur schwer Ruhe finden. Ich wusste nicht, damit umzugehen. Ich fragte die Ärztin dann nach einem Einzelzimmer und bekam das auch.

Was passierte in den Therapiesitzungen?

Da muss man zwischen Einzelgesprächen und der Gruppentherapie unterscheiden. In den Einzelgesprächen, die leider nur ein- bis zweimal die Woche für 15 oder 45 Minuten statt fanden, tauscht man sich mit einem ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten über seine Probleme aus. Viel gefragt wurde ich in den Sitzungen nicht, meistens gingt es darum, dass ich von mir aus etwas erzähle. Bei dem Gruppentherapieangebot entschied ich mich für die Kunsttherapie. Da durfte jeder zu einem vorgegebenen Thema ein Bild malen und es anschließend in der Gruppe vorstellen und diskutieren.

Im Durchschnitt befinden sich Patienten sechs Wochen in stationärer Therapie. Bei dir waren es acht Wochen. Warum?

Genauso wie man sich selbst einweisen kann, darf man sich auch selbst entlassen. Manche Patienten gehen bereits nach vier oder sechs Wochen freiwillig, andere haben einen längeren Behandlungsbedarf. Ich fühlte mich einfach noch nicht wieder bereit, den Alltag alleine zu bewältigen. Nach Rücksprache mit meiner Ärztin und in Einverständnis mit der Krankenkasse bin ich acht Wochen geblieben.

Inwiefern hat dir der Klinikaufenthalt geholfen?

Ich habe wieder zur Ruhe gefunden, da ich mich um nichts weiter kümmern musste. Die Klinik war für mich ein Rückzugsort. Man ist weit weg von der Hektik und den Sorgen des Alltags. Daneben brachte der Stundenplan endlich wieder Struktur in meinen Tag. Durch das Sportprogramm war ich ausgeglichener. Und ich fühlte mich durch die Gemeinschaft mit den anderen Patienten weniger allein. Außerdem tat es gut, über Probleme offen reden zu können, ohne dass man sich dafür schämen muss. In der Klinik konnte ich so sein, wie ich bin – mit all meinen schlechten Launen, deshalb war ich schließlich hier. Ich musste mich nicht verbiegen oder mich rechtfertigen und fühlte mich deshalb sehr wohl.

Wie ging es danach für dich weiter?

Nach der Entlassung ging ich wieder zur ambulanten Therapie. Die meisten Patienten sind nach einem stationären Aufenthalt nicht sofort geheilt. Es ist wichtig, dass man sich auch danach noch psychologisch betreuen lässt. Auch ich befinde mich noch immer in Behandlung.

Erfahre hier: Wie bekomme ich eine Psychotherapie?

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