Selbstoptimierung: zwischen Wunsch und Wahn

Weshalb wir schön sein wollen

Selbstoptimierung steht hoch im Kurs. Doch der Wunsch nach Schönheit und der Wahn nach einem vermeintlich perfekten Äußeren liegen oft nah beieinander. Warum jeder schön sein will – und wann das Streben nach Schönheit krank macht.

Paris Herms wurde ihr Schönheitswahn zum Verhängnis: Das brünette Barbie-Model aus Berlin entkam nach einem Brazilian-Butt-Lift nur knapp dem Tod. Ihr Traum von einem größeren Po endete in einer lebensgefährlichen Thrombose und Lungenembolie. Und damit ist sie nicht allein: Immer wieder gibt es solche Fälle, bei denen Beauty-Eingriffe schwerwiegende Folgen haben. 

Aktuelle Schönheits-Trends

Der Gedanke „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, der von dem schottischen Philosoph David Hume (1711-1771) stammt, trifft wohl auch auf das Barbie-Model zu. Aber: Orientieren wir uns wirklich an einem eigenen Schönheits-Ideal, wenn wir in den Spiegel blicken? Bei uns träumt ein Großteil der Frauen von einem großen Busen, dicken Lippen und einer schlanke Figur. 2019 standen Brustvergrößerungen, Fettabsaugungen und Lippenvergrößerungen wieder ganz oben auf der Hit-Liste der Schönheits-OPs. Unsere eigene Vorstellung vom perfekten Äußeren wird dabei durch gesellschaftliche Schönheits-Trends geprägt.

Beauty-Docs beobachten, dass der Trend zu mehr Natürlichkeit geht. Immer mehr Frauen möchten ihre schmalen Lippen mit Hyaluronsäure vergrößern lassen – aber bitte dezent. Laut einer Statistik der VDÄPC hat die Zahl der Injektionsbehandlungen stark zugenommen, die Tendenz steigt. Im Bereich Botox gingen die Eingriffe um rund 15 Prozent nach oben, bei Hyaluronsäure-Behandlungen sogar um 23 Prozent. Im Jahr 2019 feierte die Lippenkorrektur mit Hyaluronsäure ihre Hochkonjunktur. Aber woher kommt unser Wunsch nach einem perfekten Äußeren? Und wer bestimmt die Trends?

Die Menschheit hat schon immer für das Thema Schönheit gebrannt. Auch der italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco (1932-1960) beschäftigte sich in seinem Buch „Die Geschichte der Schönheit“ intensiv mit dem Äußeren und Attraktivität. Und stellte fest: „Schönheit war nie etwas Absolutes und Unveränderliches, sondern hatte je nach historischer Epoche und dem jeweiligen Land, der jeweiligen Kultur, verschiedene Gesichter.“

Schönheit im Wandel der Zeit

Als Schönheitsideal gilt also die Vorstellung von Schönheit innerhalb einer Gesellschaft oder Kultur, was sich im Laufe der Zeit verändern kann. Während wir heutzutage schlank und top in shape sein wollen, sah das in der Vergangenheit noch anders aus.

Hätten wir in einer anderen Zeit gelebt, würden wir uns jetzt wohl guten Gewissens ordentlich Pfunde anfuttern. Schauen wir mal auf die Zeit des Barock (ca. 1600 -1750) oder Rokoko zurück. Da waren Rundungen gefragt: Frauen und Männer mit üppigen Formen waren heiß begehrt. Korpulentere Körper standen damals für Dekadenz, Prunk und Macht. Festmähler waren ein Ausdruck eines gehobenen Lebensstils. War man also korpulent und groß, war man auch schön. Doch auch damals wurde schon eifrig getrickst. Sogar die Männer schummelten sich stämmiger und legten Hüft- und Wadenpolster an.

Peter Paul Rubens - Venus and Adonis, um 1610
Üppige Formen bei Frauen lagen im Trend: Peter Paul Rubens – Venus and Adonis, um 1610

Warum wir schlank sein wollen

Das Schönheitsideal-Ideal, das uns bis heute als Vorbild dient, verfestigte sich dann in den 80ern. Die Top-Models von damals prägten den wieder aufkommenden Schlankheits-Trend. Zu dieser Zeit entstand die Formel 90-60-90, die die angeblichen perfekten Maße für die Zentimeter-Maße von Brust-, Taillen- und Hüftumfang. Auch wenn das mit dem natürlichem Körperbau einer Frau wenig gemeinsam hat. Bei Männern prägte sich der Begriff „Waschbrettbauch“. Gleichzeitig wuchs der Wunsch nach einem natürlichen Äußeren, den wir bis heute verfolgen. Das beweist der aktuelle Hype um die Behandlungen mit Hyaluronsäure, die ja ein möglichst natürliches Ergebnis liefern sollen.

Anfang des 21. Jahrhunderts trotzten wir Frauen mit einem schlanken Körper der traditionellen Frauenrolle. Rundungen und Weiblichkeit wurden zunehmend abgelegt und das Schlanksein nahm weiter an Bedeutung zu. Ein möglicher Grund, dass Frauen ihr Selbstwertgefühl bis heute häufig an einer schlanken Figur festmachen. Das Problem dabei: Attraktive Menschen genießen Vorteile in unserer Gesellschaft, sie haben bessere Job-Chancen oder stehen häufiger im Mittelpunkt. Das pusht das Selbstbewusstsein, führt aber gleichzeitig dazu, dass wir unser Spiegelbild noch kritischer beäugen.

Nicht überall finden Menschen das Schlanksein attraktiv. In einigen afrikanischen Ländern, wo Nahrung knapp ist, sind fettleibige Frauen mit großem Hüft- und Po-Umfang heiß begehrt. Und ein für uns gesund aussehender, gebräunter Teint geht in Indien oder Teilen Asiens so gar nicht. Die Menschen dort greifen sogar zu hautaufhellenden Cremes.

Schönheitswahn und die Rolle der Medien

Doch was prägt heute unser Idealbild eines perfekten Äußeren? Modezeitschriften, Werbung, aber auch Instagram & Co. konfrontieren uns täglich damit, wie ein schöner Mensch auszusehen hat. Eine Illusion: Sie gaukeln uns ein Idealbild vor, das, so wird es uns suggeriert, ganz easy erreichbar ist – wenn wir nur genug investieren. Die Mode- wie auch die Diätindustrie leben vom Schönheits- und Schlankheitswahn unserer Gesellschaft. Und das Geschäft boomt: Jahr für Jahr geben die Menschen noch mehr für Fitness, Kosmetik oder Schönheits-OPs aus. Neue Medien wie Facebook, Youtube und Instagram zeigen uns perfekt inszenierte Models, die wir uns, durch die andauernde Präsenz in den Medien, zum Vorbild nehmen.

Wer heute als besonders schön gilt

Wie etwa Bella Hadid. Das Model zählt aktuell zu den erfolgreichsten der Welt. Bei Instagram hat sie 31 Millionen Follower (Stand Mai 2020). Da liegt es nahe, dass ihr viele junge Frauen in Sachen Schönheit nacheifern. Stupsnase, hohe Wangenknochen, volle Lippen – und dann entspricht Bellas Gesicht auch noch dem sogenannten Goldenen Schnitt. Das ist eine Art Bildkompostition, bei der mit Hilfe von Mathematik die Augen- und Nasenposition berechnet wird. Leonardo da Vinci hat den Goldenen Schnitt bei seinem berühmten „Abendmahl“ benutzt. Die Formel besagt: Das Verhältnis des Ganzen soll zu seinem großen Teil gleich dem Verhältnis des größeren zum kleinen Teil sein.

Julian De Silva, ein Gesichtschirurg aus London, hat Bellas Äußeres genauer unter die Lupe genommen. Nach seinen Berechnungen soll das Model ein nahezu perfektes Gesicht haben, denn es stimme bis zu 94,35 Prozent mit dem Goldenen Schnitt überein. Damit belegt sie nach De Silvas Meinung Platz eins im Schönheits-Ranking der von ihm untersuchten Promi-Frauen. Auf Platz zwei folgt Sängerin Beyoncé, auf Platz drei Schauspielerin Amber Heard.

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Today I have been featured in the @dailymail and @bazaaruk, declaring @BellaHadid the most beautiful woman in the world – according to the 'Golden Ratio' equation devised in Ancient Greece (and Beyoncé is a close second). The 23-year-old was found to be 94.35% 'accurate' to the Golden Ratio of Beauty Phi – which measure physical perfection. Her eyes, eyebrows, nose, lips, chin, jaw and facial shape were measured and came closest to the ancient Greeks' idea of perfection. Singer @Beyoncé, 38, was second with 92.44%, actress @AmberHeard, 33, was third with 91.85% and pop star @ArianaGrande, 26, was fourth with 91.81%. Kate Moss, 45, the highest rated Briton and in sixth place overall, had a reading of 91.05% – well ahead of her rival and the UK's other most successful supermodel, @CaraDelevingne, 27, who was in tenth place with 89.99%. The list was compiled using the latest computerised mapping techniques which allow us to solve some of the mysteries of what it is that makes someone physically beautiful and the technology is useful when planning patients' surgery. The Golden Ratio was a mathematical equation devised by the Greeks in an attempt to measure beauty. #news #beauty #plasticsurgery #harleystreet #beautifacation #beautifulfaces #jdsgoldenratio

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Was viele dabei vergessen: Am Anfang ihrer Karriere sah Bella Hadid irgendwie anders aus. Es heißt, auch das Top-Model mit dem vermeintlich perfekten Gesicht soll schon den ein oder anderen Beauty-Eingriff hinter sich haben. Dazu stehen will sie (noch) nicht.

Gegentrends zum Perfektionismus

Während auf der einen Seite ein makelloses Gesicht oder der gertenschlanke Körper als Non-Plus-Ultra gilt, entwickeln sich glücklicherweise auch Gegentrends. Model Winnie Harlow hat es mit ihrem weiß gefleckten Körper auf die Laufstege der Welt geschafft. Ihre weiß pigmentierten Stellen, die durch die Erkrankung Vitiligo entstanden sind, hat sie zu ihrem Markenzeichen gemacht.

Und Plus Size-Models wie Denise Bidot sagen mit ihren weiblichen Kurven Bodyshaming und Schlankheitswahn den Kampf an. Nach dem Motto “Being you is what defines real beauty“ will die Gründerin des „No Wrong Way Movements“ Frauen dazu ermutigen, zum eigenen Körper zu stehen.

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Well hello there…. 💘 @galore

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Ein weiteres Beispiel für einen Gegentrend ist ein Twitter-Thread, bei dem sich Menschen stolz mit ihrer großen Nase zeigen. Holly Hopkins stieß den Thread an, der beweist: Es muss nicht immer das perfekte Stupsnäschen sein. Sie teilte dort ein Foto, das ihre unperfekte Nase in voller Pracht präsentiert. Sie schrieb dazu: „Es ist okay, wenn deine Nase aussieht wie all diese ‚Vorher-Bilder`.“ Damit meint sie die Bilder, die vor einer Nasen-OP aufgenommen werden. „Ich habe meine Nase ewig gehasst, und habe mich damit so unsicher gefühlt.“ Holly lernte aber, sich mit ihrem Seitenprofil anzufreunden, auch wenn es nicht dem „idealen“ Schönheitsideal entspreche. Damit wehrt sie sich gegen den aktuellen Stupsnasen-Trend: Allein 2018 sollen rund 14100 Nasen „optimiert“ worden sein.

Twitter-Userin Holly Hopkins steht zu ihrem Profil – samt Hakennase

Gefährliche Folgen des Schönheitsdrucks

So selbstbewusst geht leider nicht jeder mit seinen Schönheitsmakeln um. Dem Druck, dem modernen Schönheitsideal zu entsprechen, halten nicht alle stand. Die negativen Auswirkungen können bis zu Essstörungen, wie Magersucht, Bulimie oder einer körperdysmorphen Störung reichen.

Esstörungen

Magersucht ist eine krankhafte Essstörung. Sie zeichnet sich durch einen selbst herbeigeführten Gewichtsverlust und gleichzeitig einer großen Angst vor Gewichtszunahme aus. Häufig tritt zusammen mit der Magersucht eine Bulimie auf. Betroffene essen in kurzer Zeit viel, versuchen im Anschluss die Kalorien durch Erbrechen wieder loszuwerden. Bei der körperdysmoprhen Störung ist die Wahrnehmung des eigenen Aussehens ebenfalls gestört: Betroffene hadern in abnormer Form mit dem eigenen Spiegelbild und zweifeln es permanent an. Menschen, die daran erkrankt sind, grübeln ständig über ihr Äußeres, finden sich hässlich und suchen überdurchschnittlich oft Hilfe beim Schönheitschirurgen.

(Lies auch: 7 Irrtümer über Essstörungen)

Muskelsucht

Auch bei der Muskelsucht dreht sich alles um das krankhafte Streben nach Körperoptimierung. Die Muskel-Dysmorphie ist gekennzeichnet von exzessivem Training und kontrollierter Nahrungsaufnahme. Betroffene möchten unbedingt einen schönen Körper besitzen, mit einem hohen Gewicht aber geringem Fettanteil. Für ein regelmäßiges Krafttraining lassen Muskelsüchtige andere Freizeitaktivitäten schleifen, vernachlässigen ihren Beruf und ziehen sich häufig sozial zurück.

Psychische Auswirkungen der Essstörungen

Minderwertigkeitsgefühle oder ein niedriges Selbstwertgefühl machen auf Dauer krank und beeinträchtigen die mentale Gesundheit. Dabei können Angststörungen entstehen, wie die Angst, von anderen abgewertet zu werden. Die ständigen Selbstzweifel können daneben zu schweren Depressionen führen (Erfahre hier: Bin ich depressiv?). Auch Zwangsstörungen spielen bei einem gestörten Selbstbild eine Rolle, sodass Betroffene beispielsweise nur noch zu bestimmten Uhrzeiten Nahrung zu sich nehmen.

Kann eine Schönheits-OP glücklich machen?

Für viele Meschen, die Selbstzweifel plagen, führt der Weg zum Schönheits-Doc. Doch ob sie sich nach einem Beauty-Eingriff tatsächlich besser fühlen? Eine Studie von Psychologen der Universität Bochum und der Universität Basel aus dem Jahr 2016 hat den psychologischen Effekt von Schöheitsoperationen untersucht. Das Ergebnis: Patienten, die ihren Körper von Chirugen verändern lassen, zeigen mehr Lebensfreude, Zufriedenheit und Selbstwertgefühl, als jene, die darauf verzichtet haben. Prof. Dr. Jürgen Margraf und sein Team befragten dazu 550 Patienten, die erstmals unterm Messer lagen.

Professor Werner Mang, einer der bekanntesten Schönheitschirurgen Deutschlands, äußerte sich während der Corona-Krise im Noizz-Magazin dagegen kritisch gegenüber dem Schönheitswahn unserer Gesellschaft. Er hofft, „dass man sich vielleicht wieder mehr auf den Grundsatz Gesundheit vor Schönheit besinnt. Dass es vielleicht weniger Botox, weniger aufgespritzte Lippen und weniger Mega-Brüste geben wird.“ Mang warnt im Interview: Man solle darauf achten, dass man „gesund und sportlich ist, dass man lieber etwas für seine Ausbildung macht, als sich jeden Tag die Fingernägel zu lackieren und sich an kranken Instagram-Vorbildern zu orientieren. Wir müssen umdenken: Gesundheit vor Schönheit.“ 

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