PSYCHOLOGIE. EMOTIONEN. MENTALE GESUNDHEIT.

Co-Abhängigkeit

Manchmal wünscht sich Hanna, ihre alkoholkranke Mutter sei tot.

Angehörige von Alkoholikern brechen zunehmend ihr Schweigen. Sie treffen sich mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen und tauschen sich über ihr Problem „Co-Abhängigkeit“ aus. Die Zahl der Selbsthilfegruppen für Angehörige ist auf rund 8700 Vereine gestiegen. Aus Scham nehmen viele der Betroffenen aber erst nach einem jahrelangen Leidensweg professionelle Hilfe in Anspruch.

Manchmal wünscht sich Hanna, ihre alkoholkranke Mutter sei tot. Dann hätte das Elend endlich ein Ende, sagt sie. Hanna schämt sich für diesen Gedanken, sie hasst sich geradezu dafür, verteufelt sich. Aber sie kann die Wut nicht aufhalten, die langsam in ihr hoch kriecht, immer dann, wenn sie ihre Mutter auf dem Sofa liegen sieht, zusammengekauert, regungslos. Im Delirium. „Wie kann sie uns das nur antun? Warum hört sie nicht auf, mit der elenden Sauferei?“ Tausende Gedanken schießen durch Hannas Kopf, wenn sie, wie jeden Morgen, ins Wohnzimmer geht und nach ihrer Mutter sieht.

Hanna weiß, dass ihre Mutter krank ist. Hanna hat deshalb auch Mitleid mit ihr. Sie streicht ihr, wie jeden Morgen, sanft übers Haar, legt behutsam die Decke über ihre Mutter,über das, was von ihr noch übrig ist, geht zur Tür, ein letzter skeptischer Blick. Wird schon alles ok sein, hofft sie dabei und zieht die Wohnzimmertüre hinter sich zu, atmet tief durch, noch einmal, ein zweites Mal, schließt die Haustür. Hanna macht sich auf dem Weg zur Uni. „Hey, alles klar bei dir?“, fragt Hannas beste Freundin, der sie am Eingang zum Vorlesungssaal begegnet . Die Panik lässt langsam nach, die Wut, der Hass, die Sorge. Zumindest vorübergehend. „Klar, alles bestens“, antwortet Hanna. Eine Lüge. Denn gut ist schon lange nichts mehr. Aber die Scham, dass ihre Mutter trinkt, bleibt. Deshalb unternimmt Hanna erst mal nichts, spricht mit niemandem darüber, verheimlicht, vertuscht. Acht Jahre lang.

(Erfahre hier: Fremdscham: Warum uns andere peinlich sind)

„Die Fassade aufrecht zu erhalten und so zu tun, als wäre alles gut. Das war das Schlimmste. Das war furchtbar anstrengend. Gleichzeitig zu wissen, dass meine Mutter zu Hause vor sich dahinvegetiert und ich nichts dagegen tun kann – oder vielleicht ja doch? Das hat mich fertig gemacht“, erzählt Hanna.

Hanna ist 22, studiert Lehramt, lebt mit Mutter und Vater in München. Der Vater ist selbstständig, kaum zu Hause. Niemand ahnt, welches Drama sich in ihrer Familie abspielt.

Der Alkoholiker hängt an der Flasche und der Angehörige am Alkoholiker

Angehörige von Alkoholikern verhalten sich nach außen hin oft überangepasst. Barbara Schielein, Diplom Sozialpädagogin am Beratungs- und Therapiezentrum für Suchtgefährdete und Abhängige „Tal 19“ in München weiß, warum: „Die Angehörigen leiden unter der Sucht oft stärker, als der Betroffene selbst. Der Alkoholabhängige kann ja trinken, wenn er unangenehme Gefühle hat. Der Angehörige trinkt meistens noch nicht, muss aber mit dem überwältigendem Gefühlsberg zurechtkommen.“ Ein Gefühlsberg, auf dem sich Sorge, Unsicherheit, Mitleid, Enttäuschung, Hass und Scham, Verantwortung und Hilflosigkeit auftürmen, bis er unbezwingbar scheint. Oft trauen sich die Angehörigen erst nach Jahren oder Jahrzehnten über das Problem zu sprechen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „Coalkoholismus“ – der heimlichen Unterstützung der Sucht. Coabhängigkeit zeigt sich daran, dass der Angehörige seine eigenen Interessen vernachlässigt, weiß Schielein. „Weil ich mich mich immer mehr um den Anderen kümmere, immer mehr kontrolliere und immer mehr meinen Fokus auf ihn richte und meine Freunde, meine Hobbies, im Prinzip mein ganzes Leben hinten anstelle.“

Auch Hanna richtete ihr Leben nach der Alkoholsucht ihrer Mutter aus. Acht Jahre lang. Sie ging nicht mehr zum Sport, am Wochenende nicht mehr feiern, sie war zu erschöpft, hatte Angst, die Mutter alleine zu Hause zu lassen, gleichzeitig Panik, jemand hätte sie darauf ansprechen können, warum man ihre Mutter so lange nicht mehr gesehen hatte, lud keine Freunde mehr zu sich nach Hause ein. „Ich wollte auf keinen Fall, dass jemand mitbekommt, was bei uns zu Hause läuft. Die ganze Situation war mir einfach unheimlich peinlich“, erinnert sich die Studentin. Sie ließ sich Notlügen einfallen, wenn die Nachbarn mal wieder fragten, wo ihre Mutter abgeblieben war. Sie verkroch sich nach der Uni am liebsten im Bett, schaltete die Glotze an, starrte stundenlang auf den Kasten, ohne zu wissen, was da überhaupt gerade lief. Sie ging nicht mehr zu den Vorlesungen, rasselte durch eine Prüfung nach der anderen. Schwieg trotzdem.

Typisch für Angehörige von Suchtkranken. Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich einen Alkoholiker in der Familie haben, kann deshalb nur geschätzt werden: Rund 8 Millionen sollen es sein. Alois Mayer, Diplom Sozialpädagoge und Suchtberater in der Alkohol- und Medikamentenberatungsstelle der Stadt München erklärt: „Es vergehen manchmal zehn, fünfzehn, ja sogar zwanzig Jahre, bis ein Mitglied der betroffenen Familie den richtigen Schritt hinaus macht und professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Das läuft manchmal bis zum bitteren Ende. Dabei muss der Teufelskreis dringend durchbrochen werden, bevor es zu spät ist.“ Bei Melanie ist es zu spät.

Bei Selbst- oder Fremdgefährdung müssen Angehörige handeln

Melanies Mutter ist tot, ein Opfer der jährlich 74000 Drogentoten in Deutschland durch Alkohol. Melanie, 18, stand 2015 vor Gericht. Nach Jahren der Alkoholsucht sei ihre Mutter elendig verreckt, auf dem heimischen Sofa. Verdurstet, verhungert. Vernachlässigt von der Tochter und Ehemann Michael, 50, wie der Obduktionsbericht lautete. Mord durch Unterlassen, hieß es in der Anklage gegen die Beiden, die sich vor dem Landesgericht Verden verantworten mussten. Der Leichnam der toten Anke war mit Maden übersät gewesen, im Haus hatte es bestialisch gestunken, als man sie fand. „Ein Konglomerat aus Urin, Stuhl und verwesten Nahrungsmitteln“, berichtet die Notärztin, die vor Ort gewesen war.

Inwieweit tragen Melanie und ihr Vater strafrechtlich relevante Schuld am Tod? Waren sie, zermürbt nach Jahren der Coabhängigkeit, überhaupt in der Lage, die Tragödie aufzuhalten? Fragen, die sich nicht nur Journalistin Julia Jüttner, die über den Fall im „Spiegel“ eindrucksvoll berichtete, stellt und über die im Verdener Landgericht verhandelt wurde. „Wenn es lebensbedrohlich wird, dann müssen die Angehörigen die Polizei oder den Notarzt holen und nicht selbst herumpflegen“, warnt Sozialpädagoge Mayer. Experten wie Mayer meinen zwar, ein Alkoholiker müsse selbst erkennen, dass er krank ist. Der Wille, etwas zu ändern, müsse vom Betroffenen kommen. Meist kommt die Einsicht allerdings spät – zu spät. Gerade deshalb müsse der Angehörige lernen, wieder für sich zu sorgen, erläutert Mayer. „Er ist gefangen in dem System, dem Betroffenen helfen zu wollen. Er muss wieder auf sich selbst achten.“

Angehörige brauchen Hilfe zur Selbsthilfe

Michael, der Mann der verstorbenen Alkoholikerin Anke, hatte angefangen, wieder auf sich selbst zu achten. Er hatte seine alkoholkranke Frau irgendwann nicht mehr angefasst, weil er sich ekelte. Er hatte aufgehört, nach ihr zu sehen, hatte seine Frau aufgeben – gleichzeitig sich selbst: Er hatte resigniert, gegenüber seiner Familie, gegenüber seiner Frau, gegenüber der scheinbar aussichtslosen Situation, die auf der Anklagebank ihr bitteres Ende nahm. Er hatte aus Scham geschwiegen. Melanie und Michael sind offensichtlich an dem Versuch gescheitert, sich dem Sog der emotionalen Verwahrlosung zu entziehen, in den sie durch Ankes Alkoholsucht geraten waren.

Hanna ist ihm entkommen. Nach acht Jahren der Verschleierung, nach hunderten Streits mit ihrer Mutter und letztendlich der Einsicht, dass sie ihr nicht helfen kann, greift sie zum Telefon. Sie wählt die Nummer einer Suchthilfehotline in München, spricht mit dem Sozialpädagogen am anderen Ende der Leitung – und zum ersten Mal in ihrem Leben – über ihren Leidensweg. „Ein Befreiungsschlag“, erinnert sich Hanna. Der Sozialpädagoge rät ihr, einen Therapeuten aufzusuchen oder eine Selbsthilfegruppe für Angehörige zu besuchen. Sie müsse sich von dem Gedanken lösen, verantwortlich für das Leben ihrer alkoholkranken Mutter zu sein. Dringend. In drei Wochen will Hanna von zu Hause ausziehen. „Wenn die Angehörigen sich Hilfe suchen, sei es in Selbsthilfegruppen, in der Suchtberatung oder in psychiatrischen Einrichtungen, dann ist auf jeden Fall auch die Chance viel größer, dass auch der Suchtkranke Hilfe bekommt“, erklärt Mayer. Hannas Mutter ist immer noch alkoholabhängig. Hanna selbst aber hat den ersten Schritte getan, um von der Familienkrankheit Alkoholismus geheilt zu werden.

Buchtipps für Betroffene und Angehörige:

Jens Flassbeck: Ich will mein Leben zurück!: Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken, Verlag Klett-Cotta
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Susanne Hühn: Ich lasse DEINES bei Dir: Co-Abhängigkeit erkennen und lösen, Verlag Schimer
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Du bist Angehöriger eines Suchtkranken? Hier findest du Hilfe:

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet auf ihrer Website kenn-dein-limit.de Informationen und Kontakte zu Selbsthilfegruppen. Einfach den Begriff „Co-Abhängigkeit“ in die Suchmaske eingeben.

Die Organisation Al-Anon ist eine weltweite Selbsthilfeorganisation von Angehörigen von Alkoholkranken: 
al-anon.de

Das Blaue Kreuz ist eine christliche Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten. Auf der Homepage findet sich auch ein Test: Bin ich co-abhängig?
blaues-kreuz.de/de/sucht-und-abhaengigkeit/fuer-angehoerige/

#Aufregend

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