Darm mit Scham

Leben mit Reizdarm: „Ich habe Angst, mir in die Hosen zu scheißen.“

Laura ist eine von 11,1 Menschen in Deutschland, die Schätzungen zufolge am Reizdarmsyndrom leiden. Ein Protokoll über ihre Krankheitsgeschichte, wie sie mit den Darmproblemen umgeht und was ihr hilft.

Ich war 16, als die „Scheiße“ losging. Ich lag entspannt mit Freunden am Strand von Lloret de Mar. Auf diesen Urlaub hatte ich mich lange gefreut. Heute wünsche ich mir, ich wäre nie da gewesen.

Wir machten das, was man in einem Party-Urlaub halt so macht: Sonnen, Schwimmen und Eimersaufen gehörte auch dazu. Ich lag also auf meinem Handtuch, hatte mir noch schnell einen Burger einer Fastfoodkette reingedrückt, als sich schlagartig mein Darm meldete. Ich wusste sofort: Jetzt muss es schnell gehen, sonst wird es – in die Hose gehen. Ich rannte panisch über den heißen Sand, suchte hektisch nach der nächstgelegenen Toilette, hoffte, dass ich schnell eine fand und sah schon bildlich vor mir, wie ich mir in die Hosen schiss.

Und so kam es auch.

Die Schlange vor dem Klo, das weit und breit auch noch das Einzige war, war unendlich lang und niemand war so nett und ließ mich vor. Als ich endlich an der Reihe war, verbrachte ich eine halbe Stunde auf der Schüssel, weil Darmkrämpfe und Durchfall einfach kein Ende nehmen wollten.

Mittlerweile ist das 14 Jahre her. Aber ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Ich verließ mit hochrotem Kopf das Klo und flüchtete ins Hotel.

Sechsmal Stuhlgang am Tag – für mich ganz normal

Seit diesem beschissenen Urlaub ist nichts mehr, wie es war. Früher hatte ich nie Darmprobleme gehabt, heute beschäftigt mich dieses Thema jeden Tag. Immer noch wache ich jeden morgen mit dem Gedanken an meine Darmprobleme auf, mit denen ich bis heute kämpfe: Bis zu sechsmal Stuhlgang am Tag – für mich nichts Außergewöhnliches mehr. Durchfall, Übelkeit, Verstopfung, Blähungen. Alles ganz normal. Aber es macht mich wütend und kaputt.

Spontane Treffen sind ein Graus. Urlaube mit Freunden? Bis auf Weiteres gecancelt. Wadertouren? Sind tabu. Und schon bevor ich in öffentliche Verkehrsmittel steigen muss, stehen mir die Schweißperlen auf der Stirn. Wie bei längeren Meetings in der Arbeit oder wie es früher vor Prüfungen an der Uni der Fall war. Aus Angst, ich könnte mir noch einmal in die Hosen scheißen, habe ich mich sozial isoliert. Aus Scham, darüber zu reden, habe ich all meinen Freunden verschwiegen, was wirklich mit mir los ist. Viele denken, ich hätte keine Lust mehr, mich mit ihnen zu treffen. Manche waren sauer auf mich, da ich Treffen oft spontan absagen musste. Stattdessen habe ich diese Tage auf dem Klo verbracht. Selbst Beziehungen gingen in die Brüche, weil ich nicht so war, wie ich gerne wäre. Aus der Sicht meiner Partner war ich lustlos und faul. Weil sie nicht wussten, was wirklich dahinter steckte, wenn ich zum Beispiel nicht mit ihnen an den See fahren wollte.

Aus Scham wollte ich meine Beziehung beenden

Ich war bei vielen Ärzten, habe zwei Darmspiegelungen, eine Magenspiegelung, Stuhlproben, Allergie- und Unverträglichkeitstests hinter mir. Laut diesen Tests vertrage ich Laktose und Fruktose sehr schlecht. Doch obwohl ich darauf verzichte, hat sich mein Darmproblem lange nicht verbessert.

Als ich mit meinen neuen Freund zusammenkam, überlegte ich drei Tage später Schluss zu machen. Bevor ich ihm von meinem peinlichen Problem erzählen muss. Ich habe mich zu sehr geschämt und dachte, er mag mich dann vielleicht nicht mehr. Ich hatte Panik, dass er mich abstoßend findet. Und dass er das Ganze ohnehin nicht versteht.

Ob er es versteht, weiß ich nicht. Aber ich vertraute mich ihm an und er unterstützt mich, wo er nur kann. Er weiß, warum ich auch manchmal bei schönem Wetter nicht zum Wandern gehen will. Oder warum ich mich bei unserem ersten gemeinsamen Strandurlaub und bei 40 Grad im Schatten über mehrere Tage in der Ferienwohnung verschanzte.

Seit rund drei Jahren befinde ich mich in Therapie. Meine Therapeutin erklärt mir immer wieder, dass mein Darm nicht mein Leben bestimmen muss. Die Antidepressiva, die ich zusätzlich verschrieben bekommen habe, nehmen mir ein wenig die Angst. Seither wächst meine Zuversicht, dass ich eines Tages wieder (Beschwerde-)frei leben kann.

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