Psychologie, Emotionen & mentale Gesundheit

Fremdscham: Warum uns andere peinlich sind

Wenn die besten Freundin auf der letzten Party stockbesoffen auf dem Tisch tanzte und sich die Kleider vom Leib riss, kann man darüber hinwegsehen – weil’s ja die beste Freundin ist. Aber zugegeben: Irgendwie war es doch ziemlich unangenehm. Denn fast hat es sich angefühlt, als hätte man selbst die abfälligen Blicke und das Gelächter der übrigen Partygäste geerntet. Fremdscham nennt man das. Doch wie kommt es, dass wir uns für andere schämen?

Das Wort „Fremdschämen“ steht erst seit 2009 im Duden. Dort heißt es: Fremdscham ist „das Gefühl, sich für einen anderen schämen zu müssen; in Bezug auf das Verhalten eines anderen empfundene Peinlichkeit“. Oft empfinden wir das Gefühl als belastend – dabei bringt es sogar lebensnotwendige Vorteile mit sich.

Vor- und Nachteile von Scham

Scham ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Auch wenn es unangenehm ist und uns uns die Schweißperlen auf die Stirn treibt, sind sich Evolutionsforscher einig: Scham ist eine soziale Emotion, die uns beschützt.

Denn: Das Gefühl hat sich entwickelt, um uns zu warnen. Wir schämen uns, damit bei uns die Alarmglocken schrillen. Halt! Stopp! Auf diese Art und Weise sollten wir uns nicht verhalten, sonst gehören wir nicht mehr dazu. Die Scham zeigt uns, dass wir gegen gewisse Normvorstellungen der Gesellschaft verstoßen. Heißt: Auch wenn wir nach Jahren bei der bloßen Erinnerung an ein altes Missgeschick am liebsten noch im Erdboden versinken würden, spornt uns das zur Vermeidung von Fehlern an. Und damit können wir auch in der Zukunft soziale Niederlagen umgehen. Zudem fanden Forscher der US-amerikanischen University of California in Berkeley heraus: Schämen macht sympathisch. Menschen, die nach einem Fauxpas rot wie eine Tomate anlaufen, gelten als sozialer und vertrauenswürdiger, als solche, denen nichts anzumerken ist.

Aber: In Zeiten von Social Media nimmt das Gefühl der Scham und Fremdscham zu. In unserer Selbstoptmierungs-Gesellschaft und dem Streben nach andauernder Perfektion ist die Gefahr groß, sich ständig zu schämen. Bin ich schön genug? Bin ich intelligent genug? Solche selbstkritischen Fragen können sehr belastend sein. Der Wahn nach Perfektion führt unter anderem so weit, dass psychisch Erkrankte ihr Leid jahrelang verschweigen und nicht zum Arzt gehen. Schließlich möchte man ja nicht aus der Reihe tanzen oder auffallen, weil man irgendwie anders ist. Betroffene fürchten dabei, von anderen abgewertet zu werden. Und sie haben Panik vor herablassenden Blicken, für die man sich schämen würde, aber keinesfalls schämen sollte. Eine unüberwundene Scham kann also im schlimmsten Fall mental oder körperlich krank machen.

(Lies auch: Schluss mit der Scham: Diese Promis machen es vor)

Warum schämen wir uns für andere?

Doch zurück zur Fremdscham: Warum schämen wir uns für etwas, für das wir selbst überhaupt nicht verantwortlich sind? Schließlich ist es ja nicht unser Problem, wenn die betrunkene Freundin auf der Party den Alleinunterhalter spielt.

Spiegelneuronen

Der Schlüssel zur Fremdscham sind die Spiegelneuronen. Der italienische Neurophysiologe Giacomo Rizzollatti hat diese 1995 in Tierversuchen entdeckt. Beobachten wir jemanden, der gerade in einer peinlichen Situation ist, aktiviert das die gleichen Areale, wie wenn wir uns selbst in der Situation befänden. Beobachten wir eine peinliche Situation, werden durch die Spiegelneuronen bei uns die gleichen Hirnareale aktiv, wie wenn wir sie selbst erleben.

Normvorstellungen

Was wir als peinlich empfinden, hängt aber auch von den eigenen Normvorstellungen ab. Im Erwachsenenalter können die Vorstellungen vom dem was richtig und falsch ist, ziemlich weit auseinander gehen. Außerdem setzt es ein bestimmtes Wissen voraus: Hätten wir beispielsweise so gar keine Ahnung, dass lautes Pupsen in der Öffentlichkeit gar nicht geht, wäre es uns auch nicht beschämend für uns. Im Teeniealter erreicht das Fremdschämen oft seinen Höhepunkt: Da empfinden wir fast alles als so richtig peinlich. Vor allem die eigenen Eltern werden da schnell zum Fremdschäm-Zielobjekt. Doch auch das ist nicht unbedingt schlecht. Denn es beweißt auch: Wir stehen ihnen nahe und fühlen deshalb mit ihnen mit. Schlimm wird das allerdings, wenn die Eltern etwa Alkoholiker sind. Viel zu früh fühlen sich die Kinder dann verantwortlich für das problematische Verhalten ihrer Eltern und schauen auch später mehr auf das Wohlergehen anderer als auf sich.

(Auch interessant: Manchmal wünscht sich Hanna, ihre alkoholkranke Mutter sei tot)

Einfühlungsvermögen

Fremdschämen braucht also Empathie. Frauen schämen sich tatsächlich schneller für andere als Männer, was wissenschaftlich erwiesen ist. Und Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung kennen das Gefühl der Fremdscham häufig gar nicht. Einfühlungsvermögen ist die Voraussetzung schlechthin, sich für jemand anderen zu schämen. Umso mehr Empathie wir also besitzen, umso stärker berühren uns die peinlichen Aktionen anderer Menschen. Mitgefühl und die Identifikation mit anderen sind für das Fremdschämen essenziell. Wenn wir also für die Aktion unserer besten Freundin am liebsten im Erdboden versinken würden, zeigt das auch, dass wir mit ihr sehr verbunden sind.

Quellen:

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0018675

#Aufregend

Kommentare

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

#Begehrt

Hilfe, meine Mutter trinkt: Wie sehr Angehörige leiden – und was helfen kann

Coabhängigkeit treibt Betroffene oft in die Verzweiflung. Über den unvorstellbaren Leidensdruck und mögliche Auswege.

Fremdscham: Warum uns andere peinlich sind

Deine beste Freundin war auf der letzten Party betrunken – und dir war es peinlicher als ihr? Hier erfährst du, wie Fremdscham entsteht.

Weshalb wir schön sein wollen

Über Schönheits-Trends – und wann der Wunsch nach dem perfekten Äußeren krank macht.

Keine Lust mehr auf Sex? Das steckt dahinter

Wenn die Lust auf Sex vergeht, kann das viele Gründe haben. Hier kommen sechs mögliche psychische Ursachen für den Libidoverlust.

Serotonin steigern ohne Pillen

Du wünscht dir mehr Energie und bessere Laune? Hier kommen fünf Tipps für eine natürliche Steigerung des Glückshormons Serotonin.