Stigmatisierung

7 Irrtümer über Essstörungen

Betroffene von Anorexie, Bulimie, Essattacken & Co. kämpfen mit vielen Vorurteilen. MOODYMAG räumt mit den größten Mythen über die schweren psychischen Erkrankungen auf.

Laut Experten leiden 30 bis 50 Personen von 1000 an einer Essstörung.
Etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zeigt bereits im Alter von elf bis 17 Jahren Symptome von Essstörungen. Und die zahlen nehmen zu. Höchste Zeit, die Stereotypen darüber aufzudecken und zu beseitigen.

Bei Betroffenen ist der Umgang mit dem Essen und das Verhältnis zum eigenen Körper gestört. Ob Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störung – bei einer Essstörung handelt es sich immer um eine ernsthafte Erkrankung, weshalb eine professionelle Behandlung unbedingt notwendig ist. Doch nicht jeder, der schlank ist, muss gleich magersüchtig sein. Und nicht jeder, der beim Essen mal über die Stränge schlägt, ist ernsthaft an einer Fresssucht erkrankt. Damit Betroffene Unterstützung erhalten, sollten Stigma und Missverständnisse abgebaut werden. Wir klären die größten Vorurteile über Essstörungen auf.

1. Wer eine Essstörung hat, sieht abgemagert aus

In den Medien begegnen wir oft Extremfällen von Anorexia Nervosa und Bildern von runtergehungerten Menschen – nicht selten jungen Frauen. Viele nehmen deshalb an, dass man sehr dünn sein muss, um unter einer Essstörung zu leiden. Es gibt allerdings keine Gewichtskriterien oder Richtlinien für andere Essstörungen als Magersucht, und viele Menschen mit Essstörungen haben ein normales Gewicht oder mehr. Das bedeutet aber nicht, dass ihre Erkrankung nicht schwerwiegend ist: Bei allen Essstörungen gibt es medizinische Komplikationen, ganz unabhängig vom Gewicht. Essstörungen sind psychische Erkrankungen. Was in den Köpfen Betroffener vor sich geht, ist nicht immer von außen ersichtlich.

2. Magersucht ist die einzige schwerwiegende Essstörung

Dies ist vielleicht einer der schädlichsten Vorurteile, denn Menschen, die eigentlich sehr krank sind, werden dadurch von ihren Mitmenschen übersehen. Betroffene, die keine Magersucht haben, bekommen deshalb oft zu spät Hilfe. Auch etwa die Bulimie ist mit schweren gesundheitlichen Schäden verbunden, wie Dehydration (die zu Nierenversagen führen kann), fehlenden oder unregelmäßigen Perioden, Verdauungs- und Darmproblemen, schwerer Karies und Zahnfleischerkrankungen, Anfällen und Muskelkrämpfen sowie Herzproblemen (wie unregelmäßigem Herzschlag) oder Herzinsuffizienz. Alle Essstörungen können lebensbedrohlich sein, nicht nur durch medizinische Komplikationen, sondern auch, weil ein erhöhtes Suizidrisiko besteht.

3. Die einzige Essstörung, die dicke Menschen haben können, ist Fresssucht

Übergewichtige Menschen werden oft als Fresssüchtige abgestempelt. Die Realität sieht allerdings anders aus: Oftmals erkranken korpulentere Menschen an Mischformen der einzelnen Essstörungen, gleichzeitig können viele dünne Menschen unter einer Binge-Eating Störung leiden. Eine Essstörung hat also nicht immer ein bestimmtes Aussehen.

4. Gewichtszunahme bedeutet, dass es dem Betroffenen besser geht

Wenn Menschen jemanden mit einer Essstörung an Gewicht zunehmen sehen, denken sie oft, es geht bergauf. Allerdings ist eine Essstörungen in erster Linie eine psychische Erkrankung mit sekundären körperlichen Symptomen. Menschen mit Essstörungen können nach Erholungsversuchen oder anderen veränderten Verhaltensweisen Gewichtsschwankungen aufweisen. Es kann sein, dass sich die Person, die an Gewicht zunimmt, auf dem Weg der Besserung ist. Aber: Wenn Betroffene körperlich gesünder wirken, bedeutet das nicht unbedingt, dass sich ihre Psyche erholt hat. Nur weil jemand besser aussieht, heißt das nicht, dass die Essstörung im Kopf nicht mehr existiert.

5. Es geht nur ums Gewicht

Menschen mit Essstörungen fixieren sich nur oberflächlich auf das Gewicht und den Ekel, den sie über ihren Körper empfinden. Darunter verbergen sich aber tiefgreifende Kräfte: Traumata können ein Katalysator für eine Essstörung sein, oder die Summe negativer Ereignisse. Bei Essstörungen geht es oft um darum, die Kontrolle über das Leben, Entscheidungen und den Körper wieder zu erlangen. Einigen Betroffenen geht es darum, kindlich zu bleiben, um das Erwachsenenalter zu vermeiden. Oder nach einem sexuellen Übergriff unattraktiv zu werden. Manche versuchen mit der Essstörung den Schmerz eines Traumas zu betäuben. Andere möchten bildlich weniger Platz einnehmen, um zu verschwinden. Die Auslöser für eine Essstörung sind vielfältig, äußerst persönlich und gehen weit über das Gewicht hinaus.

6. Die wollen doch nur Aufmerksamkeit

Die meisten Menschen mit Essstörungen schämen sich sehr dafür und versuchen eher, die Krankheit zu vertuschen. Dabei haben genau die Betroffenen, die über ihre Essstörungen sprechen, eine größere Chance auf Hilfe. Man sucht sich eine Essstörung nicht aus, es ist ebenso wenig nur eine Phase oder eine freiwillig gewählte Art des Lebensstils.

7. Männer bekommen keine Essstörungen

Viele Menschen sehen eine Essstörung als etwas an, das junge Frauen betrifft. Falsch: Die Erkrankung kann jeden erwischen – unabhängig von Alter oder Geschlecht. Zwar liegt der Anteil der Männer „nur“ bei fünf bis zehn Prozent. Es ist aber davon auszugehen, dass die Dunkelziffer unter Männern sehr hoch ist. Sie neigen dazu, ihr Problem zu verschweigen, weil sie befürchten, nicht ernst genommen, ausgelacht oder als schwach angesehen zu werden. Essstörungen sind also nicht unbedingt eine typische „Frauenkrankheit“.

Du leidest unter einer Essstörung oder kennst jemanden, der betroffen ist?

Das Beratungstelefon der BZgA steht für Fragen rund um Essstörungen zur Verfügung. Du bekommst eine Erstberatung und Adressen, an die du dich wenden kannst. Tel.: 0221/892031 (montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.)

Quellen:

https://www.bzga-essstoerungen.de/?L=0 (aufgerufen am 30. Oktober 2020)

Jegliche Angaben auf MOODYMAG dienen lediglich der medizinischen Information und ersetzen in keinem Fall den Arztbesuch oder die professionelle Diagnose und Behandlung durch einen approbierten Mediziner. Ebenso sollten die auf MOODYMAG veröffentlichen Inhalte nicht zur eigenständigen Erstellung von Diagnosen oder zur Selbstmedikation verwendet werden.

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